26 janvier 2008
     
  Kleine Helden, grosse Gauner  
     
  Artur K. VOGEL  
     
  Der Walliser Journalistin Laure Lugon Zugravu ist mit «Au Crayon dans la Marge» ein aussergewöhnliches Buch gelungen. Ihre Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten erzählen die Geschichten hinter den Kulissen.  
     
     
 
Dies ist eines der interessantesten Journalistenbücher seit langem. Die Walliserin Laure Lugon Zugravu hat für «Illustré», das welsche Pendant der «Schweizer Illustrierten» (SI), von 1997 bis 2002 Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten verfasst, fast unbemerkt von der Medien-Schickeria, der die Illustrierte keine ernsthafte Betrachtung wert war. Inzwischen hat sich «Illustré» eine Formel gegeben wie die SI, und politische Reportagen haben dort, zwischen Klatsch und Promis, Kochrezepten und Schönheitstipps keinen Platz mehr. Laure Lugon arbeitet heute für das welsche Wirtschaftsmagazin «Bilan».

Als Erstes fällt Laure Lugons Sprache auf: ein Französisch, das manchmal handfest, manchmal geradezu hemdsärmlig daherkommt, dann wieder poetisch und verletzlich. Deutschschweizer, nur eines holprigen Français fédéral mächtig, stehen dieser sprachlichen Virtuosität mit offenem Mund gegenüber.

Auch sonst hebt sich das Werk wohltuend von der üblichen Journalistenprosa ab: Die Autorin hat nicht einfach ihre bereits publizierten Reportagen neu arrangiert und zwischen Buchdeckel geklemmt. Nein, sie erzählt uns die Geschichten hinter den Reportagen, gibt uns Einblick in die Nöte und Freuden des reisenden Reporters zwischen Euphorie und Erschöpfung.

Da gibt es etwa die komische Geschichte eines Grenzübertritts von Ruanda nach Kongo. Aus Ruanda ist man schon ausgereist, mit den entsprechenden Stempeln im Pass, doch die Kongolesen wollen einen nicht einreisen lassen, weil man nicht das richtige Visum hat. Dieses bekäme man zwar, aber nur auf der andern Seite der Grenze, und dorthin darf man nicht – weil man eben die nötigen Stempel nicht hat: eine Verwicklung, irgendwo zwischen Kafka und Karl Valentin angesiedelt, die auch mit Dollars nicht zu lösen ist, die sonst in Afrika oft als hilfreiches Schmiermittel gelten.
Es gibt die beklemmende Schilderung von sterbenden Kindern in den Spitälern von Basra in Südirak, Opfer jener Uno-Sanktionen, die Saddam Hussein schwächen sollten und in Wirklichkeit nur die Ärmsten der Armen in die tödliche Misere trieben. Oder die rührende Erzählung von Pavle Popovic, einem Lastwagenfahrer aus dem serbischen Cacak, der im Oktober 2000 mit seinem alten Camion und ein paar Kameraden nach Belgrad fuhr, um Milosevic zu stürzen, welcher durch Wahlbetrug an der Macht zu bleiben versuchte.

Laure Lugon erzählt also Ausschnitte aus der jüngsten Weltgeschichte – vom Balkan, aus dem Nahen Osten, aus Afrika – mit offenen Augen für Details und dem resoluten Blick von unten. Das Personal rekrutiert sich nicht in erster Linie aus Staatslenkern und Wirtschaftskapitänen, sondern aus besoffenen Milizionären, gierigen Chauffeuren und Fremdenführern, aufgeplusterten Entwicklungshelfern, zynischen Journalisten, kleinen Helden und grossen Gaunern.

In den welschen Medien ist das Buch von den Kulturseiten nach vorn in die politischen Rubriken gerutscht. Denn Laure Lugon hat es gewagt, ein Tabu zu ritzen und begründete Zweifel am Sinn humanitärer Einsätze und sogar an der Ikone schweizerischer Humanität zu äussern, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. Eine Kontroverse ist im Gang; über das Buch wird diskutiert, und das ist das Beste, was ihm passieren konnte.